StartAus aller WeltZeiten der Knappheit - Keine Weihnachtsgeschenke für Amerikas Kinder?

Zeiten der Knappheit – Keine Weihnachtsgeschenke für Amerikas Kinder?

„Wenn die Amerikaner wollen, dass ihre Kinder und Enkel sich über Weihnachtsgeschenke freuen können, müssen sie noch heute ihre Bestellungen aufgeben.“ Eine solche Ermahnung des Einzelhandels wäre nicht ungewöhnlich, könnte auch einfach nur eine Kaufanregung sein, aber der Zeitpunkt lässt aufhorchen.

Redaktion

Es ist noch nicht einmal Halloween, und bis zu Thanksgiving, mit dem das traditionellerweise das Weihnachtsgeschäft eingeläutet wird, sind es noch fast anderthalb Monate hin. Experten warnen jedoch, dass es bereits jetzt zu spät sein könnte, um sich Geschenke zu sichern, vor allem, wenn die Kinder sich  die allerneuesten Geräte wünschen. In einem Land, das weithin als das Mekka des Massenkonsums gilt, hat diese plötzliche Verknappung das Land wie ein Blitz aus heiterem Himmel getroffen.

Bruch der Lieferketten

Und es geht beileibe nicht nur um Kinderwünsche. Die New York Times ruft dazu auf, sich daran zu gewöhnen, dass auf der Welt Mangel herrscht, und sieht in dem Bruch der weltweiten Lieferketten die Hauptursache für dieses Problem. In seinem Beitrag warnt das Blatt zudem davor, dass die Lieferengpässe, wenn sie bis ins nächste Jahr hinein anhalten sollten, die Preise für eine ganze Reihe von Rohstoffen in die Höhe schnellen lassen könnten .

Das Problem, über das die Zeitung berichtet, ist systembedingt. Derselbe Schiffscontainer, der zunächst in Los Angeles nicht entladen werden konnte, weil zu viele Hafenarbeiter in Quarantäne sind, kann anschließend in Iowa nicht mit Sojabohnen beladen werden, so dass die Käufer in Indonesien lange Gesichter machen was zur Folge hätte, das es in Südostasien zu einem Mangel an Viehfutter kommen könnte, so die New York Times. Durch eine plötzlich erhöhte Nachfrage nach Fernsehgeräten in Kanada oder Japan würden Computerchips verknappt was wiederum die Automobilindustrie zwänge, ihre Produktion von Südkorea bis Deutschland und Brasilien zu verlangsamen.

Als gegen Ende 2019 die Pandemie ausbrach, waren die Menschen in ihren Häusern eingesperrt und mussten den Weihnachtsurlaub ausfallen lassen. Als auch im nächsten Jahr der gesamte Urlaub platzte, hatten sie Geld übrig, welches sie beispielsweise in ein Fitnessgerät oder eine neue Küchenmaschine steckten. Die Nachfrage nach Bestellwaren stieg, und mittlerweile waren die Schiffscontainer über die ganze Welt verstreut, da sie auch für Notfalllieferungen von medizinischem Material, einschließlich Schutzmasken, verwendet wurden. Der Mangel an Transportmöglichkeiten wurde durch das langsame Entladen in den Häfen noch verschärft, da viele Hafenarbeiter in sozialer Isolation lebten oder in Quarantäne eingesperrt waren.

Das Institute of Supply Management schätzt, dass amerikanische Hersteller heute im Durchschnitt 92 Tage warten müssen, bis alle Teile und Rohstoffe geliefert wurden, die für die Herstellung ihrer Produkten benötigt werden. Das ist ein Rekord, und sicherlich kein erfreulicher, denn früher waren die Amerikaner immer stolz auf ihre Fähigkeit, buchstäblich vom Rad aus zu arbeiten und nur minimale Vorräte anzulegen, um dadurch Lagerkosten zu sparen.

Ein mulmiges Gefühl

Es steht außer Zweifel, dass die derzeitigen Versorgungsprobleme im Welthandel vor dem Hintergrund der COVID-19-Pandemie entstanden sind. Den Experten ist aber auch klar, dass es nicht nur um Covid geht. Dies wurde kürzlich von Matt Stoller, einem amerikanischen Experten für Wettbewerbs- und Kartellrecht aus dem US-Kongress, im britischen Guardian hervorgehoben.

„Es herrscht eine stille Panik in der US-Wirtschaft“, schreibt er. Medizinischen Labors gehen Pipetten und Reagenzgläser aus, Restaurants haben mit Lieferengpässen bei Lebensmitteln zu kämpfen und in der Auto-  und Elektronikindustrie stellen Firmen die Produktion wegen Halbleiterknappheit ein. In einem Burger King-Restaurant in Florida hing ein Schild hing mit der Aufschrift: „Tut uns leid, wir servieren keine Pommes Frites zu jeder Bestellung. Wir haben keine Pommes mehr.“ Man stelle sich das vor; Amerika ohne Pommes frites!

Stoller zufolge ist die gegenwärtige Krise – abgesehen von der Debatte darüber, ob es nützlich oder umgekehrt schädlich ist, am Prinzip des Quantitativ Easing QE festzuhalten, auch das Ergebnis politischer Entscheidungen, die seit den 1970er Jahren über Jahrzehnte hinweg getroffen wurden und die die Souveränität der Verbraucher über die der Bürger stellten.

„Die seit vier Jahrzehnten bestehende Machtkonzentration in den Händen des privaten Finanzkapitals und der Monopolisten hat dazu geführt, dass wir auf einen Schock auf der Angebotsseite nicht vorbereitet sind“, empört sich der Experte. – Unsere hyper-effizienten, globalisierten Lieferketten sind genau das Problem. Wie das Finanzsystem vor dem Crash von 2008 verbirgt auch diese Wirtschaftsordnung ihre tatsächliche Anfälligkeit. Es scheint gut zu funktionieren, aber nur solange, bis es nicht mehr funktioniert.“

Zu den politischen Fehlern, die der Autor auflistet, zählen unter anderem schwache Kartellgesetze, die Deregulierung grundlegender industrieller Infrastrukturen wie See-, Schienen- und Straßenverkehr, die Weigerung, in die Entwicklung der einheimischen Produktion zu investieren, und die Tatsache, dass in der Handelspolitik der Schwerpunkt eher auf dem Finanzwesen als auf der Industrie liege“.

So hätten in den letzten 15 Jahren nur vier Unternehmen beinahe die gesamten biopharmazeutischen Ausrüstungen und die dazugehörigen Verbrauchsmaterialien aufgekauft, ohne dass das Kartellamt darauf reagiert hätte, so Stoller. Als Folge davon drängen heute viele Firmen auf ihre eigenen Formate und Standards, die mit den Produkten anderer Wettbewerber nicht kompatibel sind, um dadurch Kunden an die eigenen Produkte zu binden.

Man denke nur an all die vielen unterschiedlichen Stecker für Handyladekabel oder die unzähligen Formate von Staubsaugerbeuteln.

Dies führt zwangsläufig zu künstlichen Engpässen und natürlich sind diese gerade jetzt, vor dem Hintergrund der Pandemie, besonders schmerzhaft, aber sie sind nicht durch die Pandemie verursacht, so der Marktexperte.

Bild: Leere Regale – Kaufpanik wegen Covid-19, Regale ohne Brot, Fred Meyers, Federal Way, Washington, USA
Autor: Wonderlane
Quelle: flickr.com
Lizenz: CC BY 2.0

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