StartNatur & UmweltWie resistente Keime aus Schlachthöfen in die Umwelt gelangen

Wie resistente Keime aus Schlachthöfen in die Umwelt gelangen

Deutsche Schlachthöfe lassen legal antibiotikaunempfindliche Keime ab. Auch beim Umgang mit Schlachtabfällen klemmt es.

Von Daniela Gschweng

«Und schon wieder Tönnies», war man versucht zu sagen, als deutsche Medien kurz vor Ostern berichteten, dass auf 300 Hektaren bayerischer Ackerfläche jahrelang illegal Schlachtabfälle zum Düngen ausgebracht worden waren.

Der Fleischverarbeiter Tönnies, der in den letzten Jahren mehrmals für negative Schlagzeilen sorgte, konnte aber nach eigenen Angaben diesmal nichts dafür.

Die Abfälle stammten aus einer Biogasanlage, die keine Genehmigung zum Verarbeiten von «Blut, Magen-Darm-Inhalten und anderen Schlachtabfällen» hatte, so der Bericht.

Dünger aus Schlachtabfällen – niemand will etwas gewusst haben

Tönnies wusste davon angeblich nichts und verweist auf einen externen Berater. Dieser sagt, für die Vertragsgestaltung zwischen Tönnies und dem Vergärer sei er nicht verantwortlich.

Von den beiden zuständigen Veterinärämtern in zwei Bundesländern hatte eines keine Ahnung, dass die Biogasanlage in Paulushofen keine Genehmigung für Schlachtabfälle hatte, das andere hatte keine Kenntnis davon, dass sie Tönnies Schlachtabfälle verarbeitete.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung hält den Fall für «nicht ungefährlich». Unbehandelte Schlachtabfälle könnten «Krankheitserreger und antibiotikaresistente Bakterien enthalten, die sich möglicherweise auf Pflanzen und Lebensmittel übertragen, wenn Gärreste als Dünger ausgebracht werden». Ob das konkret der Fall war, bleibt im Bericht offen.

Abfälle dieser Art müssen mindestens erhitzt werden, um Keime abzutöten und Mensch und Tier vor Krankheiten zu schützen.

Gefährliche Keime im Abwasser

Aber auch wenn alles mit rechten Dingen zugeht, gelangen gefährliche Keime aus Schlachthöfen ganz legal in Bäche, Flüsse und Seen. Das geht aus einer Untersuchung hervor, die Greenpeace Ende März veröffentlicht hat.

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Greenpeace hatten im Januar und Februar 2022 an vier Schlachthöfen in zwei Bundesländern mehrmals Abwasserproben genommen.

In 35 von 44 Wasserproben fand die Universität Greifswald multiresistente Keime, das heißt, Bakterien, gegen die mehrere Antibiotika nicht mehr wirken.

Die Tierzucht: Effizienz gegen Robustheit

Das sei «besorgniserregend», sagt die Mikrobiologin und Tierärztin Katharina Schaufler, die die Proben analysiert hat. Umso mehr, weil sie in acht Proben Bakterien fand, die auf Colistin nicht mehr reagierten.

Colistin ist ein sogenanntes Reserveantibiotikum, das Menschen vorbehalten sein sollte. Die Anwendung von Colistin ist aber in der Tierhaltung immer noch erlaubt. Aus Sicht der Humanmedizin ist das unverständlich.

Ein Facharzt für Geflügel, den der Norddeutsche Rundfunk befragt hat, argumentiert, dass die Therapie von Geflügel ohne Colistin weniger effektiv sei wenn sich eine Infektion des Bestandes abzeichne. Andere Antibiotika bräuchten meist länger, bis sie Wirkung zeigten.

Mikrobiologin Schaufler hält dagegen, dass sich die Tierhaltung grundlegend wandeln müsse. Es bräuchte robustere Rassen und bessere Haltungsbedingungen, damit die Tiere nicht so schnell krank werden, wie es in der Massentierhaltung der Fall ist.

Gefährliche Keime sogar in Badeseen

Schon 2018 hatte der NDR bei einer Untersuchung resistente Keime in Gewässern gefunden, sogar in Badeseen. Antibiotika-Experte Tim Eckmanns vom Robert-Koch-Institut fand das «wirklich alarmierend».

In Deutschland sterben jedes Jahr rund 2000 Menschen an Infektionen mit resistenten Keimen, in der Schweiz etwa 300, weltweit sind es 1,3 Millionen im Jahr. Die Erreger haben diese Eigenschaft meist dort erworben, wo es viele Antibiotika gibt: in Spitälern, in der Massentierhaltung oder in der Pharmaindustrie.

Verbreiteten sich resistente Keime, wäre das das Ende der heutigen Medizin, erklärt Schaufler. Selbst simple, gut behandelbare Infektionen wie eine Blasenentzündung stellten dann für die Medizin eine Herausforderung dar.

Gegenmittel: Filtern, Verbieten, Monitoren

Der einzige Schlachthof, der auf die Recherche von Greenpeace reagiert hat, erklärte, er habe gerade freiwillig eine Ozonisierungsanlage eingebaut, um Bakterien im Abwasser abzutöten.

Vorgeschrieben ist das nicht. Schlachthöfe müssen ihre Abwässer nicht filtern oder reinigen, um die Verbreitung resistenter Bakterien einzudämmen.

Alle Tiere in einem Stall auch vorbeugend mit Antibiotika zu behandeln, ist ebenfalls weiterhin erlaubt. Ein EU-weites Verbot der Gruppenbehandlung scheiterte im September 2021 am Widerstand der Veterinärmediziner. Greenpeace fordert darüber hinaus ein genaues Monitoring resistenter Keime.

Bild: Abwasserwarnung
Autor: Clker-Free-Vector-Images
Quelle: pixabay.com
Lizenz: public domain
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