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Die Recyclinglüge

Die Plastikvermüllung wächst uns rasend schnell über den Kopf. Der Dokumentarfilm „Die Recyclinglüge“ von Tom Costello und Benedikt Wermter (bis 20.06.2023 in der ARD-Mediathek verfügbar) stellt die Frage: Wer verdient an der Plastikkrise?

Von Dr. Franz Alt

Längst nicht alles, was recycelt werden könnte, wird recycelt. Ernesto Bianchi vom Europäischen Amt für Betrugsbekämpfung schätzt, dass im illegalen Müllhandel weltweit jährlich elf bis zwölf Milliarden Euro umgesetzt werden. Die FAZ: „Großbetrug weltweiten Ausmaßes“.

„100 Prozent recycelbar ist zwar nicht gelogen, aber Augenwischerei,“ so ein Satz aus dem Text. Denn gerade mal sieben Prozent des Plastikmülls werden tatsächlich wiederverwertet – nach 30 Jahren Grüner Punkt und trotz der deutschen Mülltrenn-Leidenschaft. Die Kunststoffe können nämlich nur mit hohem Kostenaufwand voneinander getrennt werden. Plastikmüll ist kein wertvoller Rohstoff, seine Verwertung kostet viel Geld. So müssen etwa Eisenbahnschwellen aus Plastikmüll teuer subventioniert werden.

Viele Produkte tragen Etiketten mit dem Aufdruck „100 Prozent recycelbar“. Aber wenn Recycling wirklich die Lösung ist, warum wird dann heute mehr neues Plastik produziert als je zuvor? Könnte Recycling in Wahrheit nichts weiter als „Greenwashing“ sein? Der Film bejaht die Frage, indem er eine Industrie unter die Lupe nimmt, die das Problem lieber verbirgt als löst. ARD-Text:

„Die Autoren spüren Müllmakler auf, die Plastikmüll illegal im Ausland verklappen, Industriezweige, die sich an der Verbrennung von Müll bereichern, und Mafia-Netzwerke, die mit Abfallschmuggel inzwischen so viel Geld verdienen wie mit Menschenhandel. Der Film zeigt, wie einige der größten Konsumgüterhersteller der Welt Recycling als Vorwand benutzen, um ohne Konsequenzen weiter die Umwelt verschmutzen zu können.“

Ihre Plastikverpackungen werden von gutgläubigen Freiwilligen für Firmen wie etwa TerraCycle in den USA gesammelt, die Kreislaufwirtschaft versprechen, deren exportierter Plastikabfall aber schließlich – wie die Autoren herausfanden – auf dem Hof einer bulgarischen Müllfirma landet. Auf dem Weg in die Verbrennungsanlage. Thermische Verwertung, so nennen das schönfärberisch die „Entsorgungs“-Firmen und kassieren.

Fünf Probleme des Plastikmülls
  1. Downcycling: Abwärtsspirale statt Kreislauf
  2. „Thermische Verwertung“: Plastik brennt gut
  3. Müllkolonialismus als Welt-Abfallhandel
  4. Die Macht der Konsumkonzerne
  5. Das nächste Versprechen: Chemisches Recycling (nach Wirtschaftswoche)

Es gebe nur eine Lösung des Müllproblems: Müllvermeidung, sagt Professor Helmut Maurer, seit 15 Jahren in der Abteilung für Abfallmanagement und Recycling der Europäischen Kommission:

„Es ist doch klar für jeden, dass es so nicht weitergehen kann. Wenn es so nicht weitergehen kann, dann braucht es politische Eingriffe, die vielleicht einigen wehtun werden. Aber wir können nicht, um einigen nicht wehzutun, die ganze Menschheit aufs Spiel setzen.“ Der Film gewann den 9. ARD-Dokumentarfilmwettberwerb 2020.

Mehrweg-Plastiktüte?

Mehrere Lebensmittelhändler und Drogerien – darunter laut der Deutschen Umwelthilfe (DUH) Edeka, Norma, Netto und Rossmann – umgehen mit einem Trick das geltende Einweg-Plastiktüten-Verbot. Da das gesetzliche Verbot nur für Plastiktüten mit einer Wandstärke von 15 bis 49 Mikrometern gilt, bieten die Händler einfach minimal dickere Plastiktüten an.

Der Drogeriemarkt Müller treibt es auf die Spitze: Mit 50 Mikrometern sind seine Tüten genau einen Mikrometer (0,001 Millimeter) dicker  und fallen damit nicht mehr unter das Verbot. DUH-Kritik:

„Verantwortungslos und verlogen! Norma, Rossmann und Edeka versuchen, mit dreisten Werbeslogans ihre umweltschädlichen, leicht dickeren Plastiktüten auch noch als Mehrwegprodukte schönzureden. Das ist skandalös.“

Thomas Fischer, Leiter Kreislaufwirtschaft bei der DUH:

„Dass es auch ohne Einweg-Plastiktüten geht, zeigen die Händler Kaufland, Lidl, Rewe, Penny, Aldi Nord und Süd. Sie haben die Umweltsünde aus Plastik verbannt“.

Bild: Kunststoffabfälle
Autor: EKM-Mittelsachsen
Quelle: pixabay.com
Lizenz: public domain
Textquelle

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