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Mit nackter Angst in den Orkan hinein

Was ist zu tun, wenn sich in einem Spiel die Rahmenbedingungen ändern, wenn vorher angestellte Annahmen sich als falsch erwiesen, wenn der Verlauf ein anderer ist als prognostiziert? Strategisch gut positionierte Spieler hätten vielleicht den einen oder anderen Fehler nicht gemacht, aber manchmal passieren auch Dinge, die nicht vorhersehbar waren. Historiker nennen das Imponderabilien.

Von Dr. Gerhard Mersmann

Aber was jeder ernst zu nehmende Spieler macht, wenn sich das eigene Kalkül als falsch herausstellt, er bewertet die Situation neu und nimmt Änderungen in Strategie und Taktik vor.

Bei der Betrachtung der Situation in der Ukraine ist zum einen festzustellen, dass die Annahme, sie könne diesen Krieg militärisch gewinnen von vornherein eine falsche gewesen ist. Das wussten auch viele im eigenen Lager und keinesfalls nur Russophile. Und dass es sich bei dem Projekt um die Verteidigung von Demokratie handelte, wird mit wachsender Fortdauer des Krieges und der damit einhergehenden Zeit der Analyse als eine bodenlose Beschönigung immer deutlicher.

Die Zeichen stehen auf Orkan

Zudem zeigen sich zunehmend deutliche Risse zwischen dem so verherrlichten Regime und der eigenen, nicht russischen Bevölkerung. Und dass die gegenwärtig Regierenden immer häufiger dabei ertappt werden, wie sie Milliardenbeträge ins Ausland transferieren, macht die Geschichte nicht appetitlicher.

Diese Erkenntnisse sind jedermann zugänglich. Sie zu haben, heißt noch lange nicht, sich und sein eigenes Selbstverständnis aufgeben zu müssen, um im Sinne der Schadenbegrenzung die eigene Vorgehensweise zu ändern. Was allerdings zu erleben ist, sowohl aufseiten der EU-Administration als auch bei der hiesigen Bundesregierung, zumindest in den Ressorts, die in diesen Krieg involviert sind, ist ein irrsinniges Festhalten an den Wunschvorstellungen, die zu Beginn des Krieges die Runde machten.

Obwohl die Sache militärisch entschieden ist, obwohl sich das ganze Bündel der Sanktionen gegen Russland auch als ein messerscharfer Boomerang herausgestellt hat, dessen Auswirkungen existenzielle Gefahren mit sich bringen, und obwohl von dem Luftschloss der blütenweißen Demokratie nichts mehr übrig ist – die Rhetorik wie die Maßnahmen sind die Gleichen geblieben.

An der elendig ermüdenden Debatte über Waffenlieferungen hat sich ebenso wenig geändert wie an der Illusion, mit einer Sanktionssalve nach der anderen den Ausgang des Krieges beeinflussen zu können.

Die Zeichen stehen nicht nur auf Sturm, sondern man provoziert sogar den Orkan. Mit der Unterbrechung des Schienenverkehrs in die russische Exklave Kaliningrad durch Litauen wurde rasant an der Eskalationsschraube gedreht.

Todestrieb und nackte Angst

Sollte der Konflikt eine Russland-NATO-Sache werden, dann hätten sich diejenigen durchgesetzt, die bereits seit einiger Zeit von der möglichen Begrenztheit eines Atomkrieges schwafeln. Dass sich ausgerechnet in diesem brisanten, hoch aktuellen Kontext der neue Parteivorsitzende der SPD mit einem militärischen Großmachtanspruch Deutschlands aus dem Fenster hängt, dokumentiert nicht nur dessen unsägliche Naivität, sondern auch einen anscheinend beim jetzigen handelnden politischen Personal zunehmend verbreiteten, aber gar nicht bewussten Todestrieb.

Der einzige Protagonist, der noch so richtig am Leben zu hängen scheint, ist der zuständige Minister für Wirtschaft und Energie. Nachdem ihm bewusst geworden ist, dass ein Land wie Russland, das mit einer Sanktion nach der anderen belästigt wird, dessen Vermögen auf ausländischen Konten einfach konfisziert und an andere weitergeleitet wird, seinerseits auf die Idee kommen könnte, mit Gegenmaßnahmen wie der Reduktion von Gaslieferungen zu reagieren, fuhr es ihm gehörig in die Knochen.

Händeringend und nach Worten suchend, beschwor er eine Volksgemeinschaft, die sich frierend und hungernd ihrem Schicksal ergibt und nicht nach Gründen sucht, die außerhalb des Spektrums vom bösen Putin liegen. Denn wäre das der Fall, so ist zu schließen, stellte er sich vor, was wohl passieren würde. Das, was man sah, war die nackte Angst!

Dr. Gerhard Mersmann ist studierter Politologe und Literaturwissenschaftler. Er arbeitete in leitender Funktion über Jahrzehnte in der Personal- und Organisationsentwicklung. In Indonesien beriet er die Regierung nach dem Sturz Soehartos bei ihrem Projekt der Dezentralisierung. In Deutschland versuchte er nach dem PISA-Schock die Schulen autonomer und administrativ selbständiger zu machen.

Er leitete ein umfangreiches Change-Projekt in einer großstädtischen Kommunalverwaltung und lernte dabei das gesamte Spektrum politischer Widerstände bei Veränderungsprozessen kennen. Die jahrzehntelange Wahrnehmung von Direktionsrechten hielt ihn nicht davon ab, die geübte Perspektive von unten beizubehalten. Seine Erkenntnisse gibt er in Form von universitären Lehraufträgen weiter. Sein Blick auf aktuelle gesellschaftliche, kulturelle wie politische Ereignisse ist auf seinem Blog M7 sowie bei Neue Debatte regelmäßig nachzulesen.

Bild: Der Schrei (norwegisch: Skrik) ist der beliebte Name für jede der vier Versionen einer Komposition, die der expressionistische Künstler Edvard Munch zwischen 1893 und 1910 sowohl als Gemälde als auch als Pastell schuf. Der Schrei der Natur ) betitelte Munch diese Arbeiten, die allesamt eine Figur mit gequältem Gesichtsausdruck vor einer Landschaft mit einem aufgewühlten orangefarbenen Himmel zeigen. Die Landschaft im Hintergrund ist der Oslofjord, gesehen von Ekeberg, Oslo, Norwegen.

Edvard Munch schuf die vier Fassungen in verschiedenen Medien. Die Nationalgalerie in Oslo besitzt eine von zwei gemalten Versionen. Das Munch-Museum besitzt die andere gemalte Version und eine Pastellversion von 1893. Diese drei Versionen sind seit Jahren nicht mehr gereist. Die vierte Version (Pastell, 1895) wurde am 2. Mai 2012 bei Sotheby’s Impressionist and Modern Art Auction für 119.922.600 USD an den Finanzier Leon Black verkauft, den höchsten Nominalpreis, der für ein Gemälde bei einer Auktion gezahlt wurde. 1895 schuf Munch einen Lithografiestein des Bildes. Von den von Munch hergestellten Lithografien sind mehrere Exemplare erhalten.

Autor: unbekannt
Quelle: wikimedia.org via allpaintingsstore.com
Lizenz: public domain
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