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Massenpsychologische Aspekte der Psychologischen Kriegsführung

Eine Abschrift aus der Internationale Zeitschrift für Sozialpsychologie und Gruppendynamik in Wirtschaft und Gesellschaft  – – Vorabdruck 7.6.2022 vom 25. Juni 2022.

Der 28-Jährige Gustav Le Bon (1841  – 1931) erlebte als Arzt den Krieg zwischen Frankreich und Preußen in Paris 1870, als die Stadt von preußischen Truppen belagert war. Er konnte beobachten, dass die Soldaten nicht nur aus Pflichtgefühl, sondern aus Begeisterung in den Krieg gezogen sind und zu großen Opfern bereit waren.

Von Prof. Dr. Rudolf O. Zucha

Aufgrund dieser Erfahrungen und Beobachtungen konnte er 25 Jahre später, d. h. im Jahr 1895, sein Hauptwerk „Psychologie der Massen“ vorlegen. Damit begründete er, neben Gabriel Tarde (1843   – 1904) mit „Die Gesetze der Nachahmung, 1890“ und Scipio Sighele mit „Die verbrecherische Masse, 1891“ die Massenpsychologie. Gleichsam wirkte dieses Gebiet der Sozialpsychologie auch auf die Soziologie, die Politologie, die Geschichtswissenschaft und die Philosophie.

Ein besonderer Anlass in der Gegenwart, sich mit diesem Thema wieder zu befassen, ist der aktuelle Krieg in der Ukraine. Obwohl auch der Krieg in Kosovo, der Zweite Golfkrieg, der Afghanistankrieg, der Libyenkrieg und der Krieg in Jemen massenpsychologische Emotionen hervorrufen konnte, ist es dazu „Dank“ der Mainstreammedien des Westens weniger gekommen. Alle diese Kriege erregten nicht die gleiche Betroffenheit, sie waren außerhalb von Europa oder spielten nicht die gleiche große Rolle in den Massenmedien und errangen damit auch nicht die große Aufmerksamkeit.

Massenpsychologische Untersuchungen zeigen immer wieder, dass Mithilfe von charismatischen Führen und ihren rhetorischen Fähigkeiten (häufig talentierte Schauspieler) und vor allem durch Massenmedien, die Emotionalität in der Masse bestimmend und die eigene Individualität zurücktritt. Der Verstand tritt in den Hintergrund, das Unbewusste unabhängig vom Bildungsgrad der Massenmitglieder wird bestimmend und man fühlt sich auch nicht mehr für die eigenen Taten verantwortlich. Die Ich-Stärke (Erich Fromm) wird durch Emotionalität (Angst und Hass) dominiert.

Es kann zum verbrecherischen Verhalten kommen, aber auch zum Heroismus und zur Opferbereitschaft. Es steigt die Bereitschaft, sich für Ideen und Überzeugungen, die kaum verstanden werden, sich heldenhaft hinschlachten zu lassen. Umso größer ist dazu die Bereitschaft, wenn es um ehrwürdige Ziele wie Gott, Kaiser, Führer, Vaterland, Freiheit, Sozialismus und andere hehre Ziele geht.

Es sind vor allem drei Komplexe, welche bei der Erforschung der Propaganda und Emotionen von besonderer Bedeutung sind: Massenpsychologie (Massenhysterie), Öffentlichkeit bzw. veröffentlichte Meinung und moderne Kommunikationsmittel bzw. Massenmedien (insbesondere die Bilder im Fernsehen: Weinende Frauen und Kinder).

Sigmund Freud (1856 – 1939) verfasste 1921 die Schrift „Massenpsychologie und Ich-Analyse“, in der er sich auf Le Bon bezieht und beschreibt, wie der Einzelne in der Masse ein Gefühl unendlicher Macht erlangt, welche es ihm gestattet, Triebe auszuleben, die er als Individuum sich nicht hätte leisten können. Es entsteht die Neigung, sich in der Masse durch deren Affekte anzustecken und sich gegenseitig zu bestärken. (Eine Beobachtung, die auch auf jedem Fußballplatz getätigt werden kann.)

Mit der Massenpsychologie setzten sich auch der spanische Philosoph José Ortega y Gasset („Der Aufstand der Massen“, 1929) und der bulgarisch-britische Schriftsteller, Nobelpreisträger Elias Canetti („Masse der Macht“, 1960) auseinander. Besondere internationale Bedeutung erlangten auch die Studien von Walter LIPPMANN („Public Opinion“, 1922). Wilhelm REICH („Die Massenpsychologie des Faschismus“, 1933), Erich FROMM („Die Furcht vor der Freiheit“, 1945), David RIESMAN („Die einsame Masse“, 1958), Anne MORELLI („Die Prinzipien der Kriegspropaganda“, 2001) und Jacques ELLUL, („Propaganda, Wie die öffentliche Meinung entsteht und geformt wird“, 2021).

Beispiele, wie massenpsychologische Phänomen zur Massenhysterie gesteigert werden:- Im 17. Jahrhundert löste in England das Gerücht von einem Mordkomplott der Jesuiten gegen den König (…) eine Massenhysterie und eine politische Krise aus, in deren Gefolge 35 vermeintliche Verschwörer hingerichtet (…) wurden. (Die Zeit, 01.12.2017, Nr.03) – Die Novemberpogrome 1938 (euphemistisch von der NS-Propaganda als „Reichskristallnacht“ benannt) waren vom NS-Regime gelenkte Maßnahmen gegen Juden in Deutschland und Österreich, bei denen hunderte Juden ermordet worden sind, aber als spontane Volkserhebungen inszeniert worden sind.

Arthur Miller (1915   – 2005), der wegen seiner kritischen Haltung zum „American way of life“ vom „Komitee für Unamerikanische Umtriebe“ verurteilt wurde, hat mit seinem Drama „Hexenjagd“ (The Crucible,1953) sich auf tatsächliche Ereignisse in Salem 1692 bezogen, damit aber auf massenhysterischen Erscheinungen des McCarthyismus hinweisen wollen.

Zur psychologischen Kriegsführung gehört die Inszenierung massenpsychologischer Phänomene, die nach bestimmten Kriterien (Grundsätzen) der Kriegspropaganda erfolgt und in diversen Studien mehrmals beschrieben worden sind. Propaganda gab es bereits in der Antike als Mittel der Meinungsbeeinflussung im Krieg in Reden und Liedern. „Propaganda“ heißt heute „Public Relations“ und ist Teil der Kommunikations- und Medienwissenschaften.

Die Krise und die Kriegshandlungen in der Ukraine seit Ende 2013, nach dem Umsturz („Maidan-Putsch“ in Kiew) Februar 2014 und der seither anhaltende Bürgerkrieg in der Ostukraine sowie der Angriff Russlands auf die Ukraine am 24. Februar 2022 (Deutscher Bundeskanzler SCHOLZ: „Zeitenwende“) ist gespickt mit Lügen und Halbwahrheiten in den Medien der westlichen Wertegemeinschaft (der Zutritt zu den russischen Medien, z.B. Russia Today oder Sputnik, ist dzt. ausgeschlossen, da diese in der EU verboten worden sind). Die Berichterstattung erfolgt nach den bekannten Prinzipen, welche schon lange bekannt sind, und unten aufgezeigt werden.

Die zehn Grundsätze der Kriegspropaganda

Der britische Staatsbeamte, Laborabgeordnete, Schriftsteller und Pazifist Lord Arthur Ponsonby (1871   – 1946) untersuchte und veröffentlichte sie nach dem 1. Weltkrieg „Falsehood in Wartime. Propaganda Lies oft the First World War“ (London 1928). Darin findet sich der berühmte Satz» Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit«. Der Satz soll tatsächlich vom Griechen Aischylos (525 v.u.Z.-456 v.u.Z.) stammen.

„Das Volk darf nie mutlos werden; Siege müssen daher übertrieben und Niederlagen, wenn nicht verheimlicht, so doch vermindert, und die öffentliche Meinung muss mittels der „Propaganda“ eifrig und beständig zu Entrüstung, Abscheu und Hass aufgepeitscht werden. … Eine Art Massenhysterie greift um sich und steigert sich, bis schließlich auch nüchterne Leute und angesehene Zeitungen von ihr erfasst werden.“(PONSONBY 1928, S.12) Am Ende seines Buches schreibt Arthur PONSONBY:

„Ein interessantes Werk über die Technik der Propaganda ist kürzlich von Professor Laßwell von Chicago [„Propaganda Technique in the World War“, 1927] veröffentlicht worden, dem der folgende Auszug entnommen ist: „So groß sind die psychologischen Widerstände gegen den Krieg bei den modernen Völkern, dass jeder Krieg ein Verteidigungskrieg gegen einen drohenden, mörderischen Feind zu sein scheinen muss. Über die Frage, wen das Volk hassen muss, darf kein Zweifel bestehen.

Der Krieg darf nicht die Folge eines Weltsystems der Führung internationaler Angelegenheiten, noch die Folge der Dummheit und Böswilligkeit aller herrschenden Klassen sein, sondern die Habgier des Feindes muss ihn verschuldet haben. Schuld und Unschuld müssen geographisch geschieden werden, und alle Schuld muss auf der anderen Seite der Grenze liegen. Wenn der Propagandist den Hass der Völker mobilisieren soll, dann muss er trachten, dass alles Verbreitung findet, was die Alleinschuld des Feindes feststellt.““ (PONSONBY 1928 S. 208f.)

Die französische Historikerin Anne MORELLI (geb. 1948 ) aktualisierte die idealtypischen Formen der Propaganda von Ponsonby in ihrem Buch „Die Prinzipien der Kriegspropaganda“ (Príncipes élementaires de propaganda des guerre, 2001)

  1. Wir wollen keinen Krieg!
  2. Der Gegner ist allein für den Krieg verantwortlich!
  3. Der Führer des feindlichen Lagers wird dämonisiert!
  4. Wir verteidigen ein edles Ziel und keine besonderen Interessen!
  5. Der Feind begeht wissentlich Grausamkeiten, wenn wir Fehler machen, geschieht die unbeabsichtigt!
  6. Der Feind benutzt unerlaubte Waffen
  7. Wir erleiden geringe Verluste, die Verluste des Feindes sind erheblich
  8. Anerkannte Kulturträger und Wissenschaftler unterstützen unser Anliegen
  9. Unser Anliegen hat etwas Heiliges
  10. Wer unsere Berichterstattung (Propaganda) in Zweifel zieht, arbeitet für den Feind und ist damit ein Verräter

(Anm. d. Red. – Hinzu kommt, dass alle vernunftbeseelten Mahner, die vor dem Krieg warnen und der Wahrung des Friedens die Stange halten, als Verräter bezeichnet werden und dass der Krieg mit den Worten beginnt: Wir werden angegriffen, wir müssen uns wehren. „Seit 05:45 Uhr wird zurückgeschossen“)

Unabhängig davon, ob es sich um sogenannte gerechte oder ungerechte Kriege handelte, werden Institutionen geschaffen, welche solche Grundsätze definieren und laufend mit Inhalten füllen. Bereits im 1. Weltkrieg wurde Kriegspropaganda als Mittel der Kriegsführung in großem Ausmaß eingesetzt. Sie diente der Mobilisierung der Bevölkerung für den Krieg. Zahlreiche Postkarten, Flugblätter und Fotographien und zunehmend auch Filmaufnahmen hielten die Ereignisse nach gewählten Prinzipen fest.

Zuständig in Österreich-Ungarn war das K.u.k. Kriegspressequartier, in welchem mehr oder weniger freiwillig auch eine Reihe von bedeutenden Schriftstellern mitwirkte: Stefan Zweig, Rainer Maria Rilke, Alfred Polgar, Franz Werfel, Egon Erwin Kisch, Robert Musil und Hugo von Hofmannsthal. Die anfängliche Kriegsbegeisterung verflog jedoch bald während des Kriegsgeschehens.

Die „Ritchie Boys“

So bezeichnet man die Absolventen des Military Intelligence Training Center oder Camp Ritchie.Während des 2. Weltkrieges errichteten die USA in Bundesstaate Maryland eine Institution, welche die psychologische Kriegsführung gegenüber Deutschland und deren Verbündeten auf eine professionelle Höhe gebracht hat. Die Einrichtung befand sich auf der Ritchie Boulevard am nördlichen Ufer des Potomac Flusses(benannt nach dem früheren Gouverneur Ritchie) und wurde Ritchie Camp benannt.

Davon abgeleitet, sind die Organisationsmitglieder (ca. 9000) Ritchie Boys genannt worden. Es waren vorwiegend junge Emigranten aus Deutschland und Österreich, meist Juden, die in den USA eine neue Heimat gefunden haben und amerikanische Staatbürgergeworden sind.

Darunter gab es die Persönlichkeiten wie Hans Habe (Janos Békessy), Stefan Heym (Helmut Flieg), Georg Kreisler, Josef Simon u.a. In dieser Zeit erhielten sie als Offiziere der US-Armee die US-Staatsbürgerschaft, welche sie dann teilweise nach dem Krieg wieder abgaben. Hans Habe: BRD, Stefan Heym: DDR, Josef T. Simon: Österreich (vorübergehend auch Klaus Mann). Sie sprachen die Sprache der Kriegsgegner und ihre Aufgabe bestand darin, den Gegner zu erforschen und zu demoralisieren, nach den Methoden der psychologischen Kriegsführung. Zu ihren Aufgaben gehörte es auch, Kriegsgefangene zu vernehmen und damit wichtige Informationen zu erhalten.

Nach dem Sieg der Alliierten dolmetschen sie während der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse und besetzten in den Militärregierungen wichtige Positionen und halfen beim Aufbau einer demokratischen Presselandschaft. Namentlich sei in diesem Zusammenhang der österreichische Jurist und Widerstandskämpfer Dr. Josef T. Simon (1912-1976) genannt, der im Austrofaschismus verfolgt und der Partei „Revolutionäre Sozialisten“ beitrat.

In seinen Memoiren erinnert er sich auch an Henry Kissinger, der ihm militärisch untergeordnet war und wie er schrieb, noch schlecht Englisch gesprochen hatte. Interessanteerweise sein noch erwähnt, dass seine, damals in der englischen Armee dienende, spätere Gattin Dr. Maria D. Simon, österreichische Psychologin und Direktorin der Sozialakademie in Wien, vor wenigen Tagen im Alter von 104 Jahren verstorben ist (vgl. Personalia).

Der aktuelle Krieg in der Ukraine (seit dem 24. Februar 2022) bestätigt einmal mehr die Praxis der oben genannten Grundsätze der Psychologischen Kriegsführung (Kriegspropaganda) auf allen Seiten: „Wie sind die Guten!“

Henry Kissingers Vorschläge zur Lösung der Ukraine-Krise

Im Gegensatz dazu steht die lösungsorientierte Analyse des früheren, nunmehr 99-jährigen Außenministers der USA, Friedensnobelpreisträger Dr. Henry Kissinger geb. am 27. Mai 1923 in Fürth, Deutschland, im 2. Weltkrieg als Flüchtling beim OSS, von 1973   – 1977 US-Außenminister. In einem viel beachteten Artikel in „The Washington Post“ hat Henry A. Kissinger bereits 2014 seine Gedanken zur Lösung der Krise und über die ganz besonderen Hintergründe des Verhältnisses von Russland und der Ukraine festgehalten. Bei seinem Vortrag in Davos am 27. Mai 2022 hat er diese nochmals erörtert und vorgeschlagen, daß die Ukraine auf die Krim und den Donbass verzichten müsse, um zum Frieden mit Russland zu gelangen.

Er geht davon aus, dass der kriegerische Konflikt historische Hintergründe hat, auf die eingegangen werden muss, wenn eine friedliche Lösung (und nur so eine ist möglich, wenn ein 3. Weltkrieg verhindert werden soll) ernsthaft angestrebt wird. Jeder kriegerische Konflikt entsteht nicht aus dem Nichts und hat oft komplexe Ursachen. So auch der Konflikt von Russland und er Ukraine hat besondere Hintergründe.

Er trug aktuell in Davos seine Gedanken zur Lösung der UkraineKrise vor, die von ihm bereits in der Folge des Maidan-Umsturzes in Kiew formuliert worden waren. Das trug ihm in der gegenwärtig angespannten Situation zahlreiche Kritiken ein, vor allem durch den Kriegführenden ukrainischen Präsidenten Wolodomyr Zelenskyj, der einen Siegfrieden anstrebt.

Die Voraussetzung für den Frieden sei, dass die Ukraine nicht der Vorposten der einen Seite gegen die andere sein dürfe, sondern nur als Brücke Chancen für den Frieden hat: „Russland müsse akzeptieren, dass der Versuch, die Ukraine in einen Satellitenstatus zu zwingen, Moskau dazu verdammen würde, seine Geschichte der sich selbst erfüllenden Zyklen gegenseitigen Drucks mit Europa und den USA zu wiederholen. Der Westen wiederum müsse verstehen, dass die Ukraine für Russland niemals nur ein fremdes Land unter vielen sein könne.“

Komplexe historische Grundvoraussetzungen

„Die russische Geschichte begann in der so genannten Kiewer Rus, von wo aus sich die russische Religion verbreitete. Die Ukraine sei seit Jahrhunderten Teil Russlands, und die Geschichte der beiden Länder war schon vorher miteinander verflochten. Einige der wichtigsten Schlachten für die Freiheit Russlands seien auf ukrainischem Boden geschlagen worden. Die Schwarzmeerflotte Russlands sei langfristig in Sewastopol auf der Krim stationiert. Selbst berühmte Dissidenten wie Alexander Solschenizyn und Joseph Brodsky hätten betont, so Kissinger, dass die Ukraine ein integraler Bestandteil der russischen Geschichte und sogar Russlands sei.“

Die kontradiktorischen Gegensätze der Ukraine

„Der westliche Teil wurde 1939 in die Sowjetunion eingegliedert, als Stalin und Hitler die Beute teilten. Die Krim mit ihrer zu 60 Prozent russischen Bevölkerung wurde erst 1954 Teil der Ukraine, als der gebürtige Ukrainer Chruschtschow sie im Rahmen der 300-Jahr-Feier eines Abkommens mit den Kosaken der Ukraine zuschlug. Der Westen ist überwiegend katholisch, der Osten weitgehend russisch-orthodox. Im Westen wird Ukrainisch gesprochen, im Osten überwiegend Russisch.

Jeder Versuch eines Flügels der Ukraine, den anderen zu dominieren – wie es bisher der Fall war -, würde letztendlich zu einem Bürgerkrieg oder zum Auseinanderbrechen des Landes führen.“ „Die Politik der Ukraine nach ihrer Unabhängigkeit zeige deutlich, dass die Wurzel des Problems in den Bemühungen der ukrainischen Politiker liege, widerspenstigen Teilen des Landes ihren Willen aufzuzwingen, erst von der einen, dann von der anderen Seite.“

„Die USA sollten eine Versöhnung anstreben, nicht die Vorherrschaft einer Fraktion.“

„Für den Westen sei die Dämonisierung von Wladimir Putin keine Politik, sondern ein Alibi für das Fehlen einer Politik.“ „Putin sei ein ernstzunehmender Stratege – unter den Prämissen der russischen Geschichte. Amerikanische Werte und Psychologie zu verstehen, sei nicht seine Stärke. Das Verständnis der russischen Geschichte und Psychologie sei aber auch nicht die Stärke der US-Politiker.“

Die Aussagen von Henry Kissinger haben den Präsidenten der Ukraine Wolodomyr Zelenskyj empört, der die Devise ausgegeben hat, es werde bis zum Endsieg gekämpft und alle Russen müssen die Ukraine verlassen.

Aktuell hat der 93-jährige, frühere Oberbürgermeister von Hamburg und Staatsminister im Außenamt Klaus von Dohnanyi ein Buch veröffentlicht, das in die gleiche Richtung weist, für einen Verhandlungsfrieden und eine neutrale Ukraine („Nationale Interessen, Orientierung für deutsche und europäische Politik in Zeiten globaler Umbrüche“, München 2022).

Der 97-jährige Soziolinguist vom Weltruf Noam Chomsky äußerte sich ähnlich in einem Interview mit „Current Affairs“ über die Hintergründe der russischen Invasion in der Ukraine, welche verhindert werden hätte können. Er sorgt mit Äußerungen zum Ukraine-Krieg für Aufsehen. Er beklagt das Versagen einer amerikanischen Politik und vertritt überraschenderweise die Meinung, unter Präsident Donald Trump wäre es nicht dazu gekommen. Das Ende des Kriegs kann nur am Verhandlungstisch erzielt werden. Ansonsten drohen der Kampf bis zum „letzten Ukrainer“ und die vollständige Zerstörung der Ukraine.

Die in Europa bestimmenden Kräfte der Mainstreammedien dulden jedoch in dieser Frage keinen Diskurs, abweichende Meinungen werden mit sozialer Ausgrenzung, medialer Hetze und öffentlicher Empörung („Putin-Vorsteher“) bestraft. Die NATO-Osterweiterung als einen möglichen Kriegsgrund und der Bürgerkrieg in der Ostukraine (Donbass) erwogen, werden beinahe hysterisch gebrandmarkt.

So ist es 28 Prominenten aus Kultur, Wissenschaft und Kunst rund um die Feministin Alice Schwarzer (Herausgeberin von „Emma“) ergangen, welche in einem offenen Brief an den deutschen Bundeskanzler Olaf Scholz warnten, weder direkt noch indirekt schwere Waffen an die Ukraine zu liefern und damit die Ausweitung und Eskalation des Kriegs zu riskieren.

Unter den Unterzeichnern sind der Musiker Reinhard Mey, der Schriftsteller Martin Walser, der Autor Alexander Kluge, der Rechtsphilosoph Reinhard Merkel, die Kabarettisten Gerhard Polt und Dieter Nuhr, die Schauspieler Lars Eidinger und Edgar Selge, sowie die Schriftstellerin Juli Zeh. Inzwischen ist der Brief von ehr als 200.000 Menschen digital unterzeichnet worden.

In diesem Brief heißt es „Die Lieferung großer Mengen schwerer Waffen allerdings könnte Deutschland selbst zur Kriegspartei machen. Und ein russischer Gegenschlag könnte so dann den Beistandsfall nach dem NATO-Vertrag und damit die unmittelbare Gefahr eines Weltkriegs auslösen“. Bundeskanzler Olaf SCHOLZ wies den Promi-Aufruf mit den Worten zurück: „Aus der Zeit gefallen. Es müsse den Ukrainern zynisch vorkommen, wenn man ihnen sage, sie sollen sich ohne Waffen gegen Putins Armee verteidigen“.

Die mediale Auseinandersetzung, mit welcher die psychologische Kriegsführung fortgesetzt wird, geht somit weiter. Es bleibt abzuwarten, wie der kriegerische Konflikt in der Ukraine ausgehen wird. Kommt es zu einem Verhandlungsfrieden, in welchem beide Seite Kompromisse zugestehen müssen, oder wird es zu einer Eskalation mit der Gefahr eines 3. Weltkriegs kommen?

Rudolf O. Zucha ist ein Großneffe des Schriftstellers Jaroslav Hašek. Nach der Matura im Jahr 1964 studierte er Psychologie, Philosophie und Anthropologie an der Universität Wien. 1970 schloss er seine Studien mit der Dissertation „Der Zusammenhang zwischen Hirnläsionen und Wahrnehmungs- sowie Koordinationsstörungen“ mit der Promotion zum Dr. phil. ab. Außerdem absolvierte er die Ausbildung zum Klinischen und Gesundheitspsychologen sowie zum Psychotherapeuten.

Nach wissenschaftlicher Mitarbeit an der Universitätsklinik für Psychiatrie stand er von 1969 bis 1972 im Dienst des Magistrats der Stadt Wien und war von 1972 bis 1980 in der Zentralsparkasse tätig, unter anderem als Leiter der Bildungsabteilung. Seither wirkt er als Psychotherapeut in Wien-Meidling und Villach, seine Schwerpunkte liegen auf den Gebieten Arbeit und Beruf. 1979 konnte er sich mit der Arbeit „Interaktionen im Unterricht. Versuch einer kritischen unterrichtswissenschaftlichen Studie“ an der Universität Klagenfurt habilitieren.

Daneben war Zucha auch als Lehrbeauftragter am Institut für Psychologie an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt, an der Universität Wien sowie an der Technischen Universität Wien tätig. Seit 1981 leitet er als Geschäftsführer auch den Fachverlag „Psychologische Gesellschaft für Persönlichkeits- und Organisationsentwicklung“ und fungiert als Herausgeber der „Zeitschrift für Sozialpsychologie und Gruppendynamik“ (heute unter dem Titel „Internationale Zeitschrift für Sozialpsychologie und Gruppendynamik in Wirtschaft und Gesellschaft“). Rudolf Zucha ist weiters Vorsitzender des Vereins für Psychologie und Psychotherapie im Rahmen des Bundes sozialdemokratischer Akademiker/innen, Intellektueller und Künstler/innen.

Zu seinen zahlreichen Fachpublikationen zählen unter anderem die Monografien „Humanistische Psychologie und Erwachsenenbildung: 2 Beiträge“ (1978; Schriftenreihe des Verbandes Wiener Volksbildung, Band 2), „Sozialpsychologie des Unterrichts“ (1980) und „Führungsstärke in der Praxis: Leadership, Organisation und Kultur. Internationale Aspekte des praktischen Managementtrainings“ (1995, erweiterte Neuauflage 2001). Daneben trat er auch als (Mit-)Herausgeber der Werke „Pädagogischen Psychologie: Kritische Beiträge“ (1979), „Führungsstärke oder Charisma?“ (2000, gemeinsam mit Sigrun D. Schlick) und „50 Jahre Verein für Psychologie, Pädagogik und Psychotherapie. Fachverband im BSA. Festschrift“ (2009) in Erscheinung.

Ein Schwerpunkt seiner wissenschaftlichen Tätigkeit gilt Karl und Charlotte Bühler, Gründungspersönlichkeiten der wissenschaftlichen Psychologie. Bereits im Jahr 1988 referierte er im Rahmen einer Wiener Vorlesung zum Thema „Karl und Charlotte Bühler und die Zukunft der humanistischen Psychologie“. 2012 editierte er unter dem Titel „Krise und Chance der Psychologie“ die Beiträge der regelmäßig stattfindenden Bühler-Symposien. 1989 referierte er im Rahmen der Wiener Vorlesungen über „Aktionsforschung in der Organisationsentwicklung“. Im Dezember 2017 wurde Rudolf Zucha mit dem Goldenen Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien ausgezeichnet.

Bild: Die Zahnräder des Verstandes sind manipulierbar
Autor: Gerd Altmann
Quelle: pixabay.com
Lizenz: public domain
Mit freundlicher Genehmigung von seniora.org

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